Background

Schwarze Geschichte in Deutschland

Schwarze Geschichte in Deutschland reicht von kolonialen Verflechtungen bis zu migrationsbedingten Veränderungen in der Nachkriegszeit. Während der Kolonialzeit waren Menschen aus afrikanischen Gebieten Systemen von Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt; koloniale Propaganda und rassistische Wissenschaft prägten den Alltag und verstärkten den Rassismus gegen Schwarze Menschen. Ein zentrales Element dieser Propaganda waren Völkerschauen, bei denen afrikanische Menschen für das europäische Publikum als exotisierte und entmenschlichte Spektakel ausgestellt wurden. Ab den 1870er Jahren wurden diese Schauen von Carl Hagenbeck professionalisiert und verbreiteten sich in Deutschland und Europa. Städte wie Köln, Düsseldorf, Essen und Dortmund waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Schauplätze solcher Ereignisse, die zur Normalisierung rassistischer Hierarchien beitrugen und langfristig rassistische Stereotype verstärkten.

Im Rheinland entstanden durch die Anwesenheit afrikanischer Soldaten und Arbeiter, darunter auch französische Kolonialtruppen, nach dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit eine neue Generation Schwarzer Deutscher, die dort aufwuchs und das heutige Gemeinschaftsleben und den Aktivismus begründete. Unter dem Nationalsozialismus führten Rassengesetze und Unterdrückung zu Diskriminierung, Inhaftierung, Zwangssterilisation und Verfolgung Schwarzer Menschen.

In der Nachkriegszeit veränderte die Migration das Bild: Neben den ehemaligen Kolonialverbindungen rekrutierte die DDR, vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren Gastarbeiter:innen, Vertragsarbeiter:innen und Studierende aus sozialistisch orientierten Ländern, insbesondere aus Mosambik und Angola sowie aus Kuba und Kap Verde, wodurch Gemeinschaften und transnationale Beziehungen entstanden. Diese Entwicklungen machten die Identität der Schwarzen Menschen in Deutschland zunehmend politisch bedeutsam, aber immer noch unsichtbar.

Hilarius Gilges — and further artist Biografie

1.) Fragmente aus Leben und Herkunft

Hilarius wurde am 28. April 1909 in eine Welt hineingeboren, die bereits von rassistischen Vorurteilen geprägt war. Seine Mutter, Maria Stüttgen, war eine weiße Deutsche aus Düsseldorf; sein Vater stammte aus Afrika und war wahrscheinlich Rheinschiffer. Er wurde als Hilarius Gilges oder Lari bekannt.

2.) Soziale Stellung und Arbeit

Lari wuchs in Wersten, der Altstadt und Derendorf auf und besuchte wahrscheinlich die Schule in Derendorf. Das Leben in Deutschland während der Zwischenkriegsjahre war hart, besonders für diejenigen am Rand der Gesellschaft. Und für einen jungen Schwarzen Mann bedeutete jeder Tag auch, sich den rassistischen Blicken einer Gesellschaft auszusetzen, die von Vorstellungen von Reinheit und Zugehörigkeit besessen war.

3.) Politische Aktivität und Kunst

Hilarius ließ sich nicht einschüchtern. Er wandte sich Politik und Schauspielerei zu, trat der dem Kommunistischer Jugendverband Deutschlands KJVD bei und spielte in der Agitprop-Gruppe „Nordwest ran“, die in Fabriken und Arbeiterhallen soziale Ungerechtigkeit und antisemitische Propaganda aufdeckte. Theater war für ihn Bewusstseinsarbeit: Auf der Bühne Arbeiter und Antifaschist Rebellen, in der Arbeiterbewegung – überzeugt, dass Kunst und Widerstand zusammengehören.

4.) Unterdrückung und Mord

1933 verbot das NS-Regime KPD und Agitprop, Aktivist:innen wurden verfolgt. Für den schwarzen, politisch aktiven Hilarius war die Gefahr immens. Dennoch versteckte er sich nicht. Am 20. Juni 1933 verhafteten und ermordeten ihn 25–30 SA-Männer. Er war 24 Jahre alt. Er hinterließ zwei Kinder, Michael Heinrich und Franziska Gilges; ihre Mutter, Katharina Laatsch, zog weg, vermutlich in Armut. Das Verbrechen blieb ungeklärt.

5.) Erinnerung und Schweigen

Über Jahrzehnte geriet seine Geschichte fast in Vergessenheit. Offiziell galt er als „farbiger Stepptänzer“ – eine rassistische Zuschreibung, die seine politische Identität auslöschte. Doch mündliche Überlieferungen, Familienerzählungen zeigen ihn als Mann, der Gerechtigkeit träumte, mit Kunst Widerstand leistete und an ein anderes Deutschland glaubte.

6.) Die Erinnerung lebt weiter

Hilarius Gilges ist ein Symbol für Widerstand und Erinnerung. Sein Leben verbindet Arbeiterkämpfe, Schwarze Geschichte in Deutschland und den Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus. Ihn zu erinnern heißt, Schwarze Geschichte als Teil des gesellschaftlichen Gefüges anzuerkennen. Hilarius Mut zeigt: Kunst und Solidarität sprechen lauter als Angst.

Caption: Dies ist die tragische und außergewöhnliche Geschichte von „Hilarius“ Gilges aka "Lari", einem schwarzen deutschen Kommunist, Performer und Antifaschisten in Düsseldorf. Geboren aus einem afrikanischen Vater und einer weißen deutschen Mutter, widerstand er dem Rassismus durch Kunst und Aktivismus, bevor er 1933 von den Nazis entführt und ermordet wurde. Sein Vermächtnis lebt als Symbol des Widerstands, der Erinnerung und der schwarzen deutschen Geschichte weiter.

Für mehr Informationen : Master Thesis von Fatia Pindra https://www.hilarius-gilges.de/1829006.htm

Nordwest Ran (Agitprop) / Schwarze Kommunist:innen

1) Agitrop Definition und Ursprung

„Agitprop“ setzt sich aus Agitation + Propaganda zusammen. Ursprünglich bezeichnete es sowjetische Kulturarbeit, die mit Aufführungen, Plakaten, Liedern, Flugblättern und visuellen Medien breite Bevölkerungsschichten für revolutionäre Ziele sensibilisierte und mobilisierte. In den 1920er Jahren institutionalisierte der sowjetische Staat Wandertruppen, mobile Theater und Flugblattgruppen, die in Fabriken, Kolchosen, auf Straßen und in Clubs aktuelle Politik einfach und verständlich vermittelten.

2) Agitprop in Deutschland

In der Weimarer Republik verbanden linke Netzwerke Politik und Performance. Von kommunistischen/sozialistischen Institutionen getragene Arbeiter:innentheater und Wandertruppen spielten in Fabriken, Gewerkschaftshallen, Gemeinschaftsräumen und im Freien und kombinierten Bildung mit Unterhaltung. Erwin Piscator und Bertolt Brecht prägten dokumentarisches, wirkungsorientiertes Theater verbunden mit Montagen, Musik und Multimedia. Ab 1933: Verbote, Verhaftungen, Exil, Zerschlagung.

3.) Nordwest Ran

Nordwest Ran (Rheinland) inszenierte mit Hilarius Gilges Stücke zu Ungleichheit, Kolonialismus, Arbeitskämpfen und Rassismus. Gilges war Darsteller, Organisator und Bindeglied zwischen Migrant:innen- und linken Netzwerken und machte Schwarze Erfahrungen sichtbar. Sie kooperierten mit Gewerkschaften, kommunistischen Gruppen und antikolonialen Initiativen. Mit NS-Aufstieg: Repression, Zerschlagung. Vermächtnis: widerständige, intersektionale Praxis der Weimarer Zeit.

Widerstand gegen deutschen Kolonialismus in Afrika / Black Internationalist (LDNR)

Afrikanischer Widerstand gegen den deutschen Kolonialismus begann lange vor dem Ersten Weltkrieg. Von den Herero- und Nama-Kriegen in Namibia (1904–08) bis zum Maji-Maji-Aufstand in Tansania (1905–07), kämpften die Afrikaner:innen gegen Zwangsarbeit, Landraub und rassistischen Terror. Obwohl diese Aufstände gewaltsam niedergeschlagen wurden, entfachten sie ein dauerhaftes antikoloniales Bewusstsein.

Nach 1918 trugen viele Afrikaner:innen und Afro-Deutsche diesen Kampf nach Europa. In Berlin, Hamburg und Paris konfrontierten koloniale Soldaten, Student:innen und Arbeiter:innen den alltäglichen Rassismus und bauten gleichzeitig internationale Allianzen auf. Diese Netzwerke wurden Teil einer breiteren Schwarzen internationalistischen Bewegung, die den Widerstand in Afrika mit den Kämpfen für Gerechtigkeit auf der anderen Seite des Atlantiks verband.

Eine zentrale Organisation war die „Liga zur Verteidigung der Schwarzen Rasse“ (LDRN), die 1926 in Paris von Garan Kouyaté und Joseph Billé, in enger Zusammenarbeit mit George Padmore aus Hamburg und anderen Panafrikanist:innen gegründet wurde. Die Liga verband afrikanische, afro-karibische und afro-amerikanische Aktivist:innen, die den europäischen Kolonialismus, einschließlich des deutschen, als Teil eines globalen Systems der weißen Vorherrschaft verstanden.

Verfolgung in den 1930er Jahren (NS‑Verfolgung)

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, sah sich die Schwarze Bevölkerung Deutschlands,eine kleine, aber vielfältige Gemeinschaft von Menschen afrikanischer Herkunft, Student:innen, Künstler:innen und Arbeiter:innen, einem neuen und brutalen Regime der Ausgrenzung gegenüber. Viele verloren ihre Arbeit, durften keine darstellenden Künste mehr ausüben und waren polizeilicher Überwachung, Schikanen und Gewalt ausgesetzt.

Die in Deutschland geborenen Menschen afrikanischer Abstammung, oft als „Rheinlandkinder” bezeichnet, wurden als „Bedrohung für die rassische Reinheit” identifiziert. Hunderte wurden unter den nationalsozialistischen Rassenhygienegesetzen zwangssterilisiert, wodurch künftige Generationen ausgelöscht wurden.

Parallel dazu wurden jüdische Gemeinden systematisch enteignet, vertrieben und ermordet. In Bochum wurde das Gebiet um die heutige Jahrhunderthalle (damals Teil des Industriekomplexes des Bochumer Vereins) für Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen genutzt. Vor allem jüdische und politische Gefangene arbeiteten und litten dort.

Neonazi‑Terror in den 1990er Jahren (z. B. Amadeu Antonio, Oury Jalloh)

Nach der Wiedervereinigung kam es Anfang der 1990er Jahre zu einer Welle neonazistischer Gewalt gegen Schwarze Menschen, Migrant:innen und Asylsuchende. Die „Baseballschlägerjahre” führten zu über 180 rassistisch motivierten Morden in ganz Deutschland. Dabei handelte es sich nicht um Einzelfälle, sondern um Ausdruck eines strukturellen Anti-Schwarzen Rassismus in Polizei, Medien und Politik.

1990 wurde Amadeu Antonio Kiowa, ein angolanischer Vertragsarbeiter, in Eberswalde von einem Neonazi-Mob zu Tode geprügelt, einer der ersten rassistischen Morde nach der Wiedervereinigung. Im Jahr 2005 wurde Oury Jalloh, ein Geflüchteteraus Sierra Leone, in einer Polizeizelle in Dessau mit Handschellen gefesselt und verbrannt aufgefunden; offiziell als „Selbstmord” eingestuft, wurde sein Tod zum Symbol für Vertuschung und Straffreiheit der Polizei und löste Proteste aus.

Gruppen wie die ISD und die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierten Verbrechen und drängten auf Gerechtigkeit, indem sie Rassismus über extremistische Kreise hinaus bis in staatliche Institutionen hinein aufdeckten. Sich an diese Namen zu erinnern bedeutet, heute auf Solidarität, Rechenschaftspflicht und Widerstand in der Diaspora zu bestehen.

Struktureller Rassismus und Polizeigewalt heute (z. B. Mohamed D., Adama Traoré)

Der Rassismus in Deutschland und Europa endete nicht mit dem Neonazismus der 90er Jahre, sondern besteht strukturell und institutionell weiter. Racial Profiling, Polizeibrutalität und ungleiche Justiz sind nach wie vor zentrale Themen für Schwarze Menschen und People of Color. Im Jahr 2022 wurde der 16-jährige Mouhamed Dramé während einer psychischen Krise von der Polizei erschossen. Ein weiterer Fall, in dem Kriminalisierung statt Schutz stattfand. Ermittlungen enden, wie im Fall von Mouhamed, oft ohne Konsequenzen.

Im Jahr 2025 wurde Lorenz A., ein 21-jähriger Schwarzer deutscher, in Oldenburg von der Polizei von hinten erschossen, was Empörung auslöste; Zeugen sprachen von übermäßiger Gewaltanwendung, doch es wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. In Frankreich wurde der Tod von Adama Traoré im Jahr 2016 in Polizeigewahrsam zu einem Symbol für staatliche Gewalt gegen Schwarze Menschen und verband Europa mit Black Lives Matter. Basisgruppen wie die Initiative 19. Februar Hanau, KOP (Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt) und ISD dokumentieren diese Ungerechtigkeiten und setzen sie in Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte.

Das Fortbestehen dieser Muster zeigt, dass struktureller Rassismus gegen Schwarze keine Ausnahme ist, sondern ein System. Um ihn zu bekämpfen, braucht es Wahrheit, Rechenschaftspflicht und kollektives Handeln, um Institutionen aufzubauen, die wirklich Gerechtigkeit und Gleichheit dienen.